Herbert Achternbusch: Die Stunde des Todes. Roman. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1977 (Suhrkamp Taschenbuch 449)
Ich glaube, "Die Stunde des Todes" ist schon einmal mit mir auf Urlaub gefahren. Gelesen habe ich das Buch, das ich wahrscheinlich in den späten 1980ern erstanden habe, scheinbar nicht.
Diesmal fährt der Roman also nach Schwaz in Tirol mit. Die Anregung für den Urlaubsort kam über die Klangspuren. "Hier werden Sie geboren", ein Musikkunstwerk, das im Rabalderhaus mit dem Publikum interagiert, würde uraufgeführt werden. Spannend. Und die Ankündigung poppte gerade auf. als Hesham und ich überlegten, wohin wir auf Urlaub fahren wollten. Schnell hatten wir dann im Stay.Inn gebucht, allerdings waren wir zu spät dran um noch Tickets für die Klangwanderung zu ergattern. Das Abschlusskonzert der Klangwanderung können wir allerdings noch genießen.
Da es neben den Musikgenüssen auch ausgesprochen gute Wandermöglichkeiten und etliches Entdeckenswertes in Schwaz und Umgebung gab, schlug ich "Die Stunde des Todes" erst am vorletzten Urlaubstag auf.
Die Stunde des Todes ist der Bericht eines Überlebenden. Ich habe dieses Buch geschrieben und fühle mich jetzt ziemlich wohl. Nach der Lektüre wird es Ihnen nicht anders ergehen. (S.[7])
Es geht dann recht flott, originell und wenig zusammenhängend weiter. Auf Seite 13 äußert der Protagonist möglicherweise auch Ansichten des Autors und Filmemachers Achternbusch: "Im Kino will ich nicht denken, sondern sehen. Im Kino will ich mich spüren." Es folgen die Nennungen einer Reihe von Filmen mit Kurzreflexionen und Streiflichtern aus dem Leben des Ich-Erzählers, dann plötzlich: "Die Alpen sind schon ein Problem. Dieses Problem muss erst gelöst werden." (S.17)
"Die Stunde des Todes" am Bahnsteig in Wörgl. Foto: A. Ghoneim 2026
Zwischen genialen und banalen Sätzen entsteht eine fragmentarische Handlung in einer sich in Bränden auflösenden Landschaft. Viele der Sätze waren damals, in der zweiten Hälfte der 1970er, revolutionär. (Siehe z.B. Stefan Wirner: Servus, Herbert Achternbusch. 2022.) Heute sind die Frauenfeindlichkeiten im Text selbst für Leser*innen meiner Generation schwer erträglich, auch die Gewaltphantasien machen die Lektüre für mich nicht unbedingt zu einem Vergnügen, wenngleich ich durch die Rahmentexte erfahren habe, dass hier ein Filmemacher, der um das Budget für seinen Film bangt, Amok läuft. Und vieles (wenn nicht gar alles) ist so grotesk, dass man den Roman auch als Brachialkomödie lesen kann.
In Wörgl fotografiere ich das Buch am Bahnsteig. Nach Neumarkt am Wallersee lese ich die letzten Sätze:
Deine Seele hat genug Schaden erlitten, jetzt gilt es, die Welt zu gewinnen. Wir haben für »Das Andechser Gefühl« 80 000 Mark bekommen, was stimmt.
Jetzt habe ich das Buch also gelesen, aber ich fühle mich nicht so wohl, wie mir das vom Autor/Ich-Erzähler in Aussicht gestellt wurde. Der IC 649 von Salzburg nach Wien, in dem ich mittlerweile sitze, ist dem Wohlbefinden leider auch nicht sehr zuträglich. Die ÖBB versucht hier von der Zugausstattung und auch von den Zwischenhalten her die Westbahn nachzuahmen, spart aber am Personal. Der Zug ist bereits bei der Abfahrt von Salzburg recht vermüllt... Ich mache mir selbst einen Kaffee am Automaten und nehme mir vor, solche ICs in Zukunft zu meiden.
Wo aber soll ich nun das Buch lassen? Es wäre ihm in diesem Zug wohl kein gutes "Weiterkommen" an potentielle Leser*innen beschieden. Ich werde also wieder einen offenen Bücherschrank dafür auswählen.
"Das Andechser Gefühl" ist übrigens tatsächlich der erste Spielfilm von Herbert Achternbusch. Teile des Inhalts dieses Films kommen auch in "Die Stunde des Todes" vor.
Verfasserin: Andrea Ghoneim

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